Offensive der „Bruderschaften“

„MC Schwarze Schar“-Anhänger sticht zu und der rechtslastige Club aus Wismar benennt sich eilig neu. Neue Mischszenen entstehen bundesweit: Kameradschaften im Rockeroutfit. Viele dieser neuen „Brotherhoods“ oder „Bruderschaften“ wie die „Brigade 8“ sollen bereits bis zu einem Dutzend Chapter haben. Deren Kuttenträger werben offen für ihre „Blood&Honour“-Sympathie. Eine geplante „Open House Party“ der „Brigade 8 Crew Bremen“ im niedersächsischen Umland verhinderte die Polizei vor wenigen Tagen.

Die Staatsanwaltschaft wirft Christian G. (rechts) versuchten Mord vor. (Foto: Otto Belina)

Die Staatsanwaltschaft wirft Christian G. (rechts) versuchten Mord vor. (Foto: Otto Belina)

„Freiheit für Grobi 1 %er“ fordern Mitglieder des Motorradclubs „Schwarze Schar“ aus Wismar. Die vor fünf Jahren von ehemaligen Neonazis der „Kameradschaft Werwölfe Wismar“ gegründete Ledertruppe zählt sich nicht nur offen zu den „Einprozentern“, also Rockern, die Gewalt keinesfalls ablehnen, sondern scheint auch zu ihrem kürzlich verhafteten „Member“ Christian G., genannt „Grobi“, zu stehen. Der 25-Jährige mit dem Irokesenschnitt sitzt seit kurzem wegen des Tatvorwurfs Mordversuch in Untersuchungshaft. In der Justizvollzugsanstalt (JVA) in Bützow verbüßen zur Zeit auch die Neonazis Axel Möller und Sven Krüger ihre Strafen.

Die Staatsanwaltschaft Schwerin wirft dem Mitglied der „Schwarzen Schar“ vor, beim Altstadtfest in Hagenow am 23. Juni einen Mann geschlagen und auf einen weiteren, der bereits am Boden lag, sieben Mal mit einem stehenden Messer eingestochen zu haben. Die Kutte des Rockers schien Anlass für die Tat – verriet ihn aber auch. So soll einer der Festbesucher den Schriftzug auf der Kutte des Beschuldigten laut abgelesen und  sich  als es brenzlig wurde, eilig entfernt haben. Christian G., seit 2012 Vollmitglied des umstrittenen Rockerclubs, hatte es scheinbar als respektlos empfunden, so der Sprecher der zuständigen Staatsanwaltschaft Schwerin, und rastete aus. Als er den Mann nicht greifen konnte, traf es dessen beide Bekannte schwer. Die Polizei fahndete daraufhin nach einem verdächtigen Kuttenträger mit dem auffälligen Totenkopf-Patch.

„Freiheitsfahrt“ vor die JVA

Die „Schwarze Schar“ reagierte bereits kurz nach der Verhaftung, immerhin war der Vorfall kein Einzelfall. Insgesamt wurden den etwa ein Dutzend Mitgliedern über 170 Strafdelikte zugeordnet – davon sollen über ein Fünftel rechts motiviert gewesen sein.

Nach der Verhaftung: "Schwarze Schar Wismar" wird "Nomads"

Versuch einem Vereinsverbot zu entgehen? (Screenshot: Internetseite „Schwarze Schar”)

Zum 1. Juli 2013 gaben der „MC Schwarze Schar“, dessen Supporter „S 19 Trupp“ und die „Schwarzen Jäger“ bekannt, dass das gemeinsame Clubhaus in Gägelow geschlossen und die berüchtigte Rockergang „eingefroren“ sei. Doch von Aufhören ist keinesfalls die Rede, denn sogleich wurde ein neuer Verband angekündigt, die „Schwarze Schar“ gibt sich nun die nichtdeutschen Zusätze „Nomads Germany“ und „Europe“. Unter „Nomads“ werden die Clubs verstanden, die über kein festes Domizil verfügen und so für die staatlichen Behörden weniger greifbar erscheinen.

Vonseiten der Wismarer Gang klingen Auflösung und Neuanfang weitaus harmloser, sie wollen den Schachzug als „Stärkung der sozialen Gemeinschaft“ verkaufen und in Zukunft mit „gemeinsamen Ausfahrten, Feiern und wohltätigen Aktionen“ auftrumpfen. Eine der ersten Touren führte Club-Anhänger am 13. Juli unter dem Motto „Freiheitsfahrt 2.0“ vor die Justizvollzugsanstalt Bützow.

In der Vergangenheit hatten Angehörige der „Schwarzen Schar“ im Interview mit dem Internet-Portal „Vice“  eingeräumt, sich als Rocker zu verstehen, die wenn es sein müsste, „um meinen Bruder zu schützen oder den Club voranzubringen“, das Gesetz brechen würden. Vielen Fernsehzuschauern sind noch die Bilder wütender Wismaraner Neonazis, bewaffnet mit Baseballschlägern, vor einem Szeneladen, erinnerlich. Nur mit gezückter Pistole konnten zwei Polizeibeamte die rasenden Glatzköpfe damals in Schach halten.

Kontakte zu „Hells Angels“ und „MC Gremium“

2007 kamen Kameradschaftsanhänger wegen eines Todesfalls in der Neujahrsnacht in Haft. Wohl mit Anspielung auf die Vergangenheit innerhalb der radikalen rechten Szene sagte einer der Rocker im Gespräch: „War ‘ne gute Schule zu dem was wir heute sind.“ Auch wurde eingeräumt, wenn ihnen jemand die Ruhe in ihrer beschaulichen Hansestadt raube,  „dann ist unsere Leitung eher kurz“.

Dem Outlaw-Club, der sich zu seiner deutschen Herkunft bekannte und dementsprechend bisher nur deutsche Bezeichnungen für Ämter und Posten verwendete, werden Prostitutionswohnungen und Tattoostudios zugeordnet. Es gibt Kontakte zu den „Hells Angels“ in Rostock, zum „MC Gremium“, aber auch zum „MC Vengator“, einem „Bandido“-nahen Club in Anklam. Nach außen sollten regionale Spendenbereitschaft, Motorradausfahrten, ein Hausmeisterservice mit lustigem Logo oder öffentliche Partys im Clubhaus das friedfertige Erscheinungsbild in Wismar abrunden. Doch intern war von Konkurrenzkampf, Machterhalt und Kontakten zu Rechten die Rede.

Nach den jüngsten Razzien und Verboten gegen den „MC Gremium“ vergangene Woche in mehreren Bundesländern herrschte aufgebrachte Stimmung in der einschlägigen Szene auch in Mecklenburg-Vorpommern. Ein in der Szene beliebter Anwalt signalisierte im Internet, dass sich Hinweise auf mögliche Durchsuchungen und eventuelle  Festnahmen verdichten könnten und seine Kanzlei in „Einsatzbereitschaft“ sei. Kurze Zeit später wurde das Innenministerium in Schwerin angeblich darüber informiert, dass sich nun auch der „Hells Angels MC Rostock“ „mit sofortiger Wirkung“  aufgelöst habe.

Militante Neonazi-Gruppen unter dem Deckmantel der Outlaws

 "Brothers at arms"

Neonazis nutzen den Rocker-Mythos für ihre politische Arbeit (Alle Fotos Quelle: Facebook)

Neue Mischszenen am Rande von kriminellen Rockerclubs, Hooligans und Neonazis entstehen. Häufig nennen sich die neuen Gruppen Bruderschaften oder „Brotherhood“. Untereinander ist nicht mehr vom „Kameraden“, sondern vom „Bruder“ die Rede. Überraschend eilig warnen auch die Behörden vor der Entwicklung. Während  Kuttenträger mit rechter Vergangenheit jahrelang als „Einzelfälle“ verharmlost wurden, geht das Bundeskriminalamt inzwischen von sechs Prozent unter den 8000 bekannten Rockern aus.

Doch Neonazis wechseln nicht nur ins Milieu der organisierten Kriminalität, sie versuchen anscheinend einfach Mythos, Unantastbarkeit und Habitus der Outlaws für die politische Arbeit zu nutzen. Dadurch entstehen diese neonazistischen Bruderschaften mit rockerähnlichem Outfit und Hierarchien, deren Mitglieder sich gar nicht die Mühe machen, als Motorradfahrer durchzugehen. Unter diesem Deckmantel bewegen sich vor allem offen militante Neonazi-Gruppen. Gut vernetzt und doch fernab von Aktionsbüros, Freien Netzen und NPD.

Patches mit „28“-Kennzeichnung

Logos der "Brigade 8" Chapters.

Logos der „Brigade 8” Chapters.

Viele neue „Brotherhoods“ oder „Bruderschaften“ wie die „Brigade 8“ sollen bereits bis zu einem Dutzend  kleine Chapter in Europa haben, deren Kuttenträger offen für ihre „Blood&Honour“-Sympathie werben. Der „Präsident“ der „Brigade 8“ stammt aus Schleswig-Holstein, er benutzt den Szene-Code „28“ immer wieder für Auftritte bei Sozialen Netzwerken im Internet. Der Name „Brigade 8“ scheint nicht zufällig gewählt.  Ein Foto zeigt den Anführer Arm in Arm mit zwei Freunden, einer ist vermummt und reckt den Arm zum Hitlergruß. Zudem bestehen in Bremen und Niedersachsen Kontakte von „Brigade 8“-Anhängern zu den als „Blood&Honour“-nah geltenden Bands „Strafmass“ und „Bunker 16“. Eine geplante „Open House Party“ der „Brigade 8 Crew Bremen“ im niedersächsischen Umland verhinderte die Polizei vor wenigen Tagen.

Logo der "Brigade 8 Crew Bremen".

Logo der „Brigade 8 Crew Bremen”.

17 Glatzköpfe mit Kutten posten für ein Foto der „Brigade 8 Crew Niedersachsen“.  Beim großen Rechtsrock-Konzert in Nienhagen im Harzkreis mit der Bremer Band „Endstufe“ zeigten sich rechte Hannoveraner wie Marc Jekat und Sebastian Glaubitz im „Brigade 8“- Outfit. Sie traten wie eine Mischung aus Oldschool-Skinheads mit Springerstiefeln und weißen Schnürsenkel sowie der eingedeutschten Hierarchie internationaler Rockergangs auf, ihre Patches auf den Lederwesten trugen Bezeichnungen wie „General“ oder „Krieger“ neben der doppeldeutigen „28“-Kennzeichnung. Die militante Organisation „Blood&Honour“ ist seit 2000 in der Bundesrepublik verboten. Seit den Enthüllungen um die Verbrechen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) und dessen Unterstützung durch B&H-Anführer scheint das europaweit noch existierende „Blood&Honour“ Netzwerk wieder an Bedeutung zu gewinnen.

Hakenkreuze an den Kacheln in der Küche

Der Küchenschrank eines "Brigade 8" Anhängers.

Der Küchenschrank eines „Brigade 8” Anhängers.

Direkte Kontakte zu gewaltbereiten Motorrad Clubs wie „Schwarze Schar“ und „Gremium“ soll es aber tatsächlich auch bei den Neonazi-Bruderschaften geben. Doch anders als vom Bremer Verfassungsschutz verkündet, scheinen sie eben keine Rocker zu sein, sondern offen bekennende Neonazis, die verbotene Strukturen verehren. Von „Blood&Honour“ bis zur rechtsterroristischen „Combat 18“-Truppe ist ein kurzer Weg. Der offenen Militanz huldigen auch die neuen Mischszenen. So klebte sich ein „Brigade 8“-Anhänger nicht nur Hakenkreuze an die Kacheln seiner Küche, sondern einer ließ sich das Clublogo gleich mit einem  Schnellfeuergewehr auf den Hinterkopf tätowieren. Einer ihrer Aufnäher zeigt einen Totenkopf und gekreuzte Gewehre.

Die Brüder bezeichnen sich auch als „Brothers at Arms“. Sie scheinen mit vielen Namen und Verbindungen zu spielen. So präsentieren sie sich ähnlich der „Arischen Bruderschaft“ aus Südniedersachsen und Thüringen auch schon mal mit gekreuzten Handgranaten und dem Zusatz: „Brotherhood of Hate“. Quasi frei nach dem Motto „Hauptsache auffällig und militant“.

Auch Anlehnungen an die konspirativ agierende  „Hammerskin Nation“ (HSN) zeigen sich, dann verwenden Brigade-Anhänger zwei gekreuzte Hämmer, die deren Logo ähneln. Hooligans passen ebenfalls gut ins prollig-aggressive Erscheinungsbild. Einer von der „Brigade 8“ aus Hannover zeigt sich auf einem Foto Arm in Arm mit dem Sänger der Szeneband „Kategorie C“.

Über­nom­men vom “Blick nach Rechts” mit freund­li­cher Geneh­mi­gung der Auto­rin Andrea Röpke.

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