„Nazis in der Westkurve”

Neonazis versuchen offenbar verstärkt im Weserstadion aufzutreten. Der BREMER SCHATTENBERICHT führte über die aktuelle Situation im und ums Weserstadion mit Petra Volland*, einer antifaschistischen Beobachterin der Fanszene Bremen. (Das Interview fand vor der Schlägerei am vergangenen Wochenende im Ostkurvensaal statt.)

Neonazis sollen wieder verstärkt versuchen im Weserstadion aufzutreten. Was ist los?

In erster Linie sind es Mitglieder der Gruppe „Nordsturm Brema”, die an Spieltagen geschlossen als Gruppe auftreten. Vereinzelt treten auch Mitglieder der Althooligans „Standarte Bremen” gemeinsam im Rahmen eines Spieltags auf, dies ist aber eher selten der Fall. Mindestens einmal im Jahr gibt es eine gemeinsame Fahrt von jungen und älteren Hooligans zu einem von ihnen gewählten Auswärtsspiel, wo diese dann geschlossen als große Gruppe auftreten. Bei Heimspielen kann man sie z.B. in Stadionnähe, im Viertel, der Innenstadt oder der Neustadt beobachten. Meist dort, wo sie Gegner vermuten. Dazu zählen linke Ultras, AntifaschistInnen und gegnerische Hooligans. Vor allem aber sind sie an Spieltagen in der Bahnhofsvorstadt zu sichten, wo sich mehrere ihrer Treffpunkte befinden.

Im Stadion selbst treten sie weniger offen als auf der Straße auf. Ausnahmen bestätigen hier die Regel. Denn in der letzten Saison waren mindestens zwei Mal größere Gruppen im Weser-Stadion zugegen. Beide Male handelten Fans und der Verein: Als sich eine Gruppe von Nazi-Hooligans im Bereich der Ostkurve aufhielt, wurden diese konsequent vom Verein und dem Ordnungsdienst des Stadions verwiesen. Als sich wenige Spieltage später mehrere Mitglieder des Nordsturm, unter ihnen bekannte Personen der regionalen Neonazi-Szene, ein Kartenpaket für drei Heimspiele in der Westkurve gekauft hatten, wurde per großem Spruchband von den Fans in der Ostkurve darauf reagiert. Dieses Auftreten der rechten Hooligans im Stadion zog auch eine Anfrage der Partei „Die Linke” in der Bremer Bürgerschaft nach sich. Das brachte erfreulicherweise eine noch größere Öffentlichkeit mit sich.

Waren die Neonazis früher isoliert? Wo haben sie stattdessen das Spiel geschaut?

Bevor eine Party einer antirassistischen Fangruppe im Jahr 2007 von den rechten Hooligans überfallen wurde, konnten diese in der Fanszene schalten und walten wie sie wollten. Die wenigen Fans, die sich damals gegen eben diese Neonazis zur Wehr setzten, wurden bedroht und angegriffen. Vor allem die Gruppe Standarte hatte das Gewaltmonopol in der Fanszene und ihre Mitglieder führten sich dementsprechend wie Platzhirsche im Stadion und dem Stadionumfeld auf.

Nach dem Überfall auf die antirassistischen Fans 2007 wurde dieser von vielen Seiten aus Angst vor Racheakten totgeschwiegen: vom Verein, dem sozialpädagogischen Fan-Projekt und vielen der betroffenen Fans selber. Die Idee eines „Runden Tischs” wurde an die Fans herangetragen, an dem die Opfer der Gewalt und die Führungsköpfe der Nazi-Hooligans die Meinungsverschiedenheiten ausdiskutieren sollten. Dies wurde von den überfallenen Fans abgelehnt. Auf Nachdruck einiger der betroffenen Fans, nämlich gegen den Überfall mit Anzeigen vorzugehen, entwickelte sich großes öffentliches Interesse. Die Medien berichteten, Aussagen wurden gemacht, die Polizei und Staatsanwaltschaft ermittelten. Und in der Fanszene kristallisierte sich der Konsens heraus, dass ein Kontakt zu den Nazi-Hooligans tabu ist. Trotzdem wurde von wenigen Einzelpersonen der Kontakt vor allem zu Mitgliedern des Nordsturm immer noch gehalten.

Als Personen der Gruppe „Nordsturm Brema” dann im November 2008 beim Auswärtsspiel in Bochum im Stadion inklusive ihres Banners auftraten, wurden diese fast vom gesamten Werder-Fanblock aus dem Stadion verwiesen. Ein öffentlicher Auftritt mit Banner inmitten des Fanblocks hat seitdem nicht mehr stattgefunden.

Die meisten Spiele wurden und werden von den rechten Hooligans bis heute in Lokalitäten in der Bahnhofsvorstadt, Innenstadt und im weiteren Stadionumfeld geschaut.

Gibt es Gegenstrategien der Fans?

Glücklicherweise gibt es seit dem Überfall auf den Ostkurvensaal 2007 vermehrt Personen, die sich verstärkt diesem Thema widmen. Sei es von Seite der Fans, des Vereins, des Fan-Projekts oder antifaschistischen Gruppen. Es gibt rund um Werder Bremen verschiedenste Ausrichtungen und Meinungen, wie man Neonazis beim Fußball begegnen sollte. Wichtig ist, dass diese verschiedenen Ansätze miteinander funktionieren und sich nicht gegenseitig behindern. Wie gut die gemeinsame Arbeit klappen kann, hat sich bei der kurzfristig organisierten Demonstration im Rahmen des Prozesses gegen die rechten Hooligans gezeigt. Zur Demo, die sich nicht nur gegen die rechten Schläger, sondern auch gegen den skandalösen Prozess selbst richtete, kamen über 1000 Menschen. Auch die schon beschriebenen Ereignisse in Bochum im Herbst 2008 können als messbares Ergebnis der gemeinsamen Arbeit gegen Diskriminierung im Stadion angesehen werden.

Wie reagiert der Verein Werder Bremen auf die Nazi-Hooligans und zum Thema Diskriminierung allgemein?

Der Verein hat sich insgesamt positiv entwickelt, auch wenn manche Aktion eher den Eindruck macht, damit gute PR erzielen zu wollen. Nichtsdestotrotz können diese oft plakativen Aktionen Wirkung bei Fans erzeugen und diese positiv beeinflussen. Wichtig ist es, dass dem Verein deutlich wird, welchen Stellenwert das Stadion als Rekrutierungsfeld für die rechte Szene hat und dass der Fußballsport eine Menge Anknüpfungspunkte für rechte Ideologie bietet. Ebenso sollte es dem Verein darum gehen, zu erkennen, welche Probleme junge Fans haben, die sich gegen Neonazis positionieren und wie man eben diese unterstützen kann. Da wäre eine größere Sensibilität wünschenswert.

In den Medien ist vor einigen Monaten ein Video des Nordsturm Bremen aufgetaucht. Wie hat die Hooligan-Szene darauf reagiert?

Der Bericht der Sendung Spiegel TV hat für Unruhe in der Bremer Hooligan-Szene gesorgt. Denn nicht nur das Filmen bei solchen verabredeten Treffen ist umstritten. Nicht vielen hat das unverblümte Zeigen von Nazisymbolen gefallen. Und auch überregional musste der Nordsturm Kritik einstecken, teilweise werden sie von anderen Hooligan-Gruppen Deutschlands gemieden. Aus Angst, dass Videos mit verabredeten Schlägereien an die Öffentlichkeit gelangen könnten.

Den rechten Hooligans sollte deutlich geworden sein, wozu es führen kann, wenn man außer einem ungewöhnlichen Hobby noch seine menschenverachtende Gesinnung propagiert: Man rückt in die Öffentlichkeit. Und diese scheuen die Nazi-Hooligans um Nordsturm und Standarte.

Wie ist die momentane Stimmung in der Fanszene? Gerüchten zufolge gibt es eine Umkehr zu einer eher unpolitischen Haltung einiger Werderfans?

Neben sich tatsächlich antirassistisch und antifaschistisch engagierenden Ultras und Fans gibt es viele Personen, die diese politische Haltung mehr als Label, denn als tatsächliche Lebenseinstellung betrachten. Bemerksam macht sich dies dadurch, dass diese Personen und Gruppen selbst Tendenzen an den Tag legen (z.B. diskriminierendes Verhalten), die sie nach außen hin ablehnen.

Besonders problematisch wird es dann, wenn sich Teile der Ultras, nämlich die, die sich ganz offen zum „unpolitischen Konsens” bekennen, Jugendeinrichtungen als Treffpunkte nutzen, welche versuchen, jungen Menschen politisches Denken und Handeln zu vermitteln. Es kann nicht sein, dass Einrichtungen aus Angst, das eigene Klientel zu verlieren, ihre Grundprinzipien hinten anstellen.

Hinzu kommt ein Konflikt, der sich in der letzen Saison verstärkt gezeigt hat. Auf der einen Seite stehen antifaschistische Fans, auf der anderen Seite ein Konglomerat von Einzelpersonen und Fangruppen. Dieses Konglomerat könnte man zusammenfassend als „reaktionär bis rechtsoffen” beschreiben. Die Intention dieser Gruppe ist es, einen antifaschistischen Konsens in der Fanszene zu verhindern und eine „unpolitische” Kurve zu fördern. Was in Klarsprache bedeutet: Zurück zu diskriminierenden Gesängen und Handeln, das Recht des Stärkeren und Akzeptanz von Neonazis. Genau zu diesen wird auch von Teilen dieses Konglomerats ein enges Verhältnis gepflegt. Man trinkt zusammen mit Mitgliedern von Nordsturm in Kneipen der Bahnhofsvorstadt, trifft sich am Spieltag und prügelt sich gemeinsam gegen ausgemachte Gegner. So geschehen z.B. beim Überfall auf die Wohnwelt in Wunstorf. Ebenfalls hat es im Rahmen dieses Konflikts schon Übergriffe auf antifaschistische Fans gegeben.

Es bleibt abzuwarten, wie sich dieser Konflikt entwickelt und ob es das reaktionäre Bündnis tatsächlich wagt, ganz öffentlich gemeinsame Sache mit den Nazi-Hooligans zu machen.

*Name von der Redaktion geändert.

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